Harte Jungs und zarte Vögel – wie jugendliche Gefangene für seltene Hühner sorgen lernen

Das Thema Jugendkriminalität sorgt immer wieder für Schlagzeilen, oft verbunden mit der Forderung nach schärferen Strafen. Doch der Jugendstrafvollzug dient nicht nur dazu, die Allgemeinheit vor weiteren Delikten zu schützen. Jugendliche Straftäter sollen lernen, in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Für Tiere zu sorgen und sich um ihr tägliches Wohlergehen zu kümmern, kann dabei helfen. PROVIEH besuchte ein vorbildliches Projekt im Offenen Vollzug an der Jugendanstalt Schleswig (JA).

Hohe graue Betonmauern mit Stacheldraht umgeben die JA. Dahinter sitzen 73 jugendliche Gefangene eine Haftstrafe ab. Auf der anderen Straßenseite sieht es freundlicher aus: Rote Backsteinbauten in offenem Gelände, ein Fußballplatz, Gewächshäuser und Wiesen. Zwei junge Männer mähen den Rasen und grüßen freundlich. Ein Hahn kräht. Ein zweiter antwortet laut und kräftig. Kein Zweifel: Da rufen gesunde Bauernhähne, keine schlappen Turbohühner.

Sieger im Wettkrähen

Im Offenen Vollzug der JA sollen die jungen Männer das Leben in Freiheit üben. Rund 10 Gefangene verbringen hier unter gelockerten Bedingungen den Rest ihrer Haftzeit. Gemeinsam bereiten sie die Mahlzeiten zu, kaufen die Vorräte ein und übernehmen Dienste in Haus und Garten. Die Fürsorge für die Hühner wird nur besonders geeigneten Jugendlichen anvertraut. Als Lohn für die tägliche Tierpflege winken schmackhafte Eier von glücklichen Hühnern. „Die Eier sind hier sehr begehrt.“, freut sich der Leiter des Offenen Vollzugs, Herr Beyer. Ebenfalls beliebt bei den Hühnerpflegern ist die Teilnahme an öffentlichen Wettbewerben. Schon an die 30 Pokale stehen überall auf Regalbrettern und Tischen. Die Gefängnishühner haben es zu viel Ruhm und Ehre gebracht – sogar als Sieger im Wettkrähen. Das lässt sich hören.

Hühner als Resozialisierungshelfer

Zwei Mitarbeiter der JA, Frau Jessen und Herr Klotzsch, haben das Hühnerprojekt im Jahr 2004 mit viel persönlichem Engagement ins Leben gerufen. Bis dahin gab es im Offenen Vollzug nur Arbeitsplätze in der Gärtnerei und im Hausbereich. Die Erhaltung alter und seltener Hühnerrassen öffnete ganz neue Felder, auf denen die Gefangenen ein größeres Verantwortungsbewusstsein entwickeln können. Sich um die tägliche Pflege der Tiere, um das Füttern und Ausmisten zu kümmern, vermittelt den Jugendlichen das Gefühl des Gebrauchtwerdens. Der junge Mann, der zurzeit die Verantwortung für das Wohlergehen der Hühner trägt, erzählt mit leuchtenden Augen, was ihm am meisten Spaß bei der Arbeit macht: „Wenn sie beim Füttern alle auf mich zugelaufen kommen. Das ist toll!“. Auch das Ausmisten sei ihm nicht unangenehm. Anstrengend findet er lediglich, wenn der Auslauf um die Ställe mit der Forke mal wieder umgegraben werden muss, um Parasiten zu bekämpfen.

Die Jugendlichen haben alle Arbeiten bei Aufbau der Hühnerhaltung selbst durchgeführt, unter fachlicher Anleitung der Betreuer. Mit einer kleinen Herde von Vorwerkhühnern begann die Zucht. Sie sehen wunderschön aus mit ihren tiefschwarzen Köpfen und Schwanzfedern sowie den goldgelb schillernden Rümpfen. Die Hähne sind deutlich größer als die Hennen, ihr buntes Federkleid tragen sie aber passend im Partnerlook. Heute bereichern auch einige auffällig große, in allen Farben schillernden Brahma-Hähne und ihre liebevoll brütenden Partnerinnen die kleine Hühnerfarm.

Waldbewohner mit Freiheitsdrang

Die Hühner der Jugendanstalt führen ein gutes Leben. Ihre Ställe sind geräumig, der Auslauf mit Büschen und Bäumen strukturiert. Ohne Deckungsmöglichkeiten würden die Hühner nur ungern den Stall verlassen, aus Angst vor dem Habicht. In den Brutställen kann man munter herumhüpfende Küken verschiedenen Alters bewundern. Alles ist sauber und frisch eingestreut. Die Tiere sehen gesund aus. Was nur fehlt, ist frisches Grün im Auslauf. Die Hühner haben jedes Kraut und jeden Grashalm abgeweidet. Das ist zwar gut zum Staubbaden, aber schlecht für die Futtersuche. Doch ohne einen regelmäßigen Wechsel der Auslaufflächen kann kein Gras nachwachsen. Das Problem kennen alle Hühnerfreunde, die ihre Tiere in festen Ställen halten. Die Mitarbeiter des Hühnerprojekts füttern deshalb Grasschnitt vom Rasenmähen hinzu und legen ausgestochene Grassoden in die Gehege. Lange vorhalten würde das leider nicht, bedauert Herr Klotzsch. Er öffnet eine Gehegetür. Eine Vorwerkhenne nach der anderen hüpft über die Einrahmung, während der Hahn wachsam daneben steht. Zielsicher streben die Tiere durch ein Gebüsch dem frischen Grün auf der benachbarten Schafkoppel zu. Hier soll einmal eine große Streuobstwiese als Auslauf entstehen, erfahren wir. Das wäre optimal für die Hühner. Noch fehlt es allerdings an Geld für die Anschaffung der Bäumchen. Unterstützung von den Tierschützern bei PROVIEH könnte dem Vorhaben weiter helfen.

Gleiche Interessen verbinden

Seit 2005 ist die JA Mitglied im Rassegeflügelzuchtverein Süderbrarup. Für die Gefangenen ist diese Zusammenarbeit mit anderen Hühnerfreunden wichtig. Sie nehmen an Ausstellungen teil und bereiten diese mit vor. Das erfordert Fachwissen und schult den Gemeinschaftssinn. Die vielen gewonnenen Preise sind sichtbare Beweise dafür, dass man Erfolge erzielen kann, wenn man sich für etwas einsetzt. Und nach Ende der Haftzeit bleiben die sozialen Kontakte aus dem Vereinsleben oft bestehen. Das kann den Start in ein normales Leben jenseits der Mauern erleichtern.

Die Leiterin der JA, Frau Damberg, ist vom Erfolg des Hühnerprojekts überzeugt, ohne in Euphorie zu verfallen. „Wir sind keine Wunderheiler.“, sagt die Psychologin. Sie erklärt uns, wie mühevoll es ist, straffällig gewordene Jugendliche zu motivieren und für ein Leben jenseits der Gefängnismauern zu erziehen. „Bei manchen ist schon viel erreicht, wenn sie sich den Wecker stellen und morgens eigenständig aufstehen. Andere wiederum büffeln konzentriert für einen Schulabschluss. Wir benötigen hier eine breite Palette von Motivationsmöglichkeiten. Das Hühnerprojekt ist sehr erfolgreich und wird von den Gefangenen gut angenommen. Es ist allerdings sehr arbeitsintensiv und steht und fällt mit dem Engagement unserer Mitarbeiter.“

Ein ehemaliger Hühnerpfleger des Projekts hat mittlerweile eine Ausbildung zum Tierpfleger aufgenommen. Ein anderer kommt auch Jahre nach Ende seiner Zeit in der JA zu allen Ausstellungen und Wettkämpfen, auf denen die Gefängnishühner und ihre Züchter um Anerkennung kämpfen. In der heutigen Arbeitswelt der Landwirtschaft aber sind Erfahrungen mit artgerechter Hühnerhaltung nur noch wenig gefragt. Die Industrialisierung und Intensivierung hat tausende von Arbeitsplätzen auf den Betrieben vernichtet. Die Mitarbeiter der JA bedauern das sehr, denn „wir brauchen auch für einfach strukturierte Jugendliche Arbeit.“ Nutztiere ihren Bedürfnissen gerecht aufzuziehen würde solche Arbeitsmöglichkeiten wieder schaffen. Ein Grund mehr, sich für den Nutztierschutz zu engagieren, meint PROVIEH.

Das Original dieses Artikels und weitere Informationen finden Sie im PROVIEH Magazin 02-2010. Das Magazin erscheint vierteljährlich und sein Bezug ist im Mitgliedsbeitrag von PROVIEH enthalten.