Die neueste Haftordnung für Legehennen - und wie es dazu kam.

Im Juli 1999 befand das Bundesverfassungsgericht die Haltung von Hühnern in Legebatterien für verfassungswidrig. Nun mussten neue Haltungsformen her. 2002 wollte die grüne Verbraucherschutzministerin Renate Künast ein totales Käfigverbot durchsetzen. Doch nach dem Ende von Rot-Grün rückte der Drahtverhau schnell wieder bis auf Platz eins der agrarpolitischen Wunschliste, massiv vorangetrieben von der Geflügelindustrie und ihrer Lobby. Mit Respekt auf das Urteil der Verfassungsrichter wurden die neuen Käfige so ausgestaltet, dass sie zumindest im EU-Vergleich einen etwas "tierfreundlicheren" Anschein erwecken. Doch der Schein trügt.

Die "Kleingruppe" ist die neue Form der Käfighaltung

Zunächst wählte man einen beschönigenden Namen. "Kleingruppenhaltung" oder "Kleinvoliere" lauten die Bezeichnungen für die neuen Käfigsystemen, die dem Verbraucher bessere Haltungsbedingungen vorgaukeln sollen. Denn "Kleingruppe" klingt nach Geborgenheit und "Voliere" (von "volare", lat., für "Fliegen") nach viel Bewegungsfreiheit. Doch tatsächlich war die Gruppengröße in den alten Legebatterien mit 4 Tieren pro Käfig deutlich kleiner als in der "Kleingruppenhaltung" vorgesehen. Auch ans Fliegen ist im neuen Käfig nicht zu denken,  der Platz reicht nicht einmal aus, um die Flügel auszustrecken.

Legehennen im Kleingruppenkäfig

Für die Umstellung auf das neue Haltungssystem gab es sehr großzügige Übergangsfristen. In Deutschland durften die alten Käfige noch bis Ende 2009 genutzt werden, in den anderen EU-Staaten sogar bis 2012.

Der ehemalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen beugte sogar das Recht, um "seinen" Geflügelbaronen bei der Umstellung einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Er gestattete die Genehmigung von Käfiganlagen, bei denen auch die Nestfläche zur Nutzfläche mit eingerechnet wurde, so dass die Betreiber bis zu 12 Prozent mehr Hennen in die einzelnen Abteile zwängen durften als ihre Mitbewerber in anderen Bundesländern.

Als der Druck der Öffentlichkeit zu groß wurde und auch der letzte Geflügelbaron diese Lücke hatte nutzen können, nahm der Minister die als "Ehlen-Erlass" berüchtigt gewordene Entscheidung zurück. Für die so bereits genehmigten Käfige aber gewährte er "Bestandsschutz", zum Nutzen der Eierindustrie und sehr zum Leidwesen der Hennen in Niedersachsen.

Seit Anfang Januar 2010 haben die deutschen Hühner den Käfig gewechselt. Die alten, völlig kahlen Gitterkäfige haben sie eingetauscht gegen die "Kleinvoliere", die symbolisch mit Sitzstangen, abgedunkelten Legenestern und einer Scharrmatte ausgestattet sind. Die Tiere stehen auf Drahtgittern, so dass ihr Kot durch die Maschen fällt.

Kleingruppenhaltung im Dunkeln

Mit Tiergerechtigkeit hat das neue Käfigelend wenig zu tun. Zwar sind die Kleingruppenkäfige größer - sie müssen eine Mindestfläche von 2,5 Quadratmetern haben - doch dafür dürfen auch mehr Hennen hineingestopft werden: In Deutschland 28, im "ausgestalteten Käfig" nach EU-Recht sogar 33. Auch die Legenester sind nicht mehr als ein gummibeschichteter Drahtboden mit Plastikvorhang.

Zum Scharren und "Sandbaden" ist ein Plastikfußabtreter vorgesehen. Sand zum Baden gibt es nicht und so behelfen sich die Hennen in ihrer Not mit den fettigen Futterkrümeln. Die Sitzstangen bieten nicht allen Hennen gleichzeitig Platz zum Ausruhen. Sie sind zudem so niedrig angebracht, dass sie jeder Bewegung im Weg sind und so dicht unter der Decke, dass kein Huhn aufrecht darauf sitzen kann.

Der abgedunkelte Legebereich erlaubt es den Tieren nicht, ihre Eier in Gemeinschaft abzulegen, wie es ihre Natur wäre. So werden immer wieder Hennen von ranghöheren Haftgenossinnen daraus verjagt, ohne das Legegeschäft pfleglich abschließen zu können. Die dann noch ausgestülpte Kloake bietet den übrigen Hennen ein willkommenes Ziel zum Picken und Hacken. Sie ist rot und signalisiert damit "lecker". Schwere Verletzungen bis hin zum Kannibalismus sind die Folgen.

Verhaltensstörungen sind auch im Kleingruppenkäfig vorprogrammiert

Die Tiere reagieren auf die ständige Bedrängnis mit Aggression: Beim Federpicken reißen sich die Hennen gegenseitig die Federn aus. Wenn dabei Blut fließt, hacken sie immer wieder auf die offenen Wunden ein. Anders als in alternativen Haltungsformen gibt es für die Opfer in der Enge des Käfigs kein Entkommen. Um den dramatischen Tierverlusten durch Federpicken und Kannibalismus vorzubeugen, drehen die Betreiber das ohnehin schon dämmrige Licht herunter, so dass die Hennen im Dunklen sitzen.

Eier aus Kleingruppenhaltung müssen wie alle Käfigeier mit der Ziffer 3 für "Käfighaltung" gekennzeichnet sein, genauso wie Eier aus der alten Legebatterie und dem "ausgestalteten Käfig" nach EU-Norm. Einen Antrag der Geflügelwirtschaft, Kleingruppenkäfigeier mit der Ziffer "4" markieren zu dürfen, lehnte die EU-Kommission glücklicherweise ab.

Das Bundesverfassungsgericht am entschied am 12.Oktober 2010, dass die Haltung von Hennen in solchen Kleingruppen-Käfigen verfassungswidrig ist. Das entsprechende Normenkontrollverfahren aus Rheinland-Pfalz lief viele Jahre und wurde durch ein wahres Feuerwerk von Gutachten und Gegengutachten begleitet. Auch PROVIEH wurde damals als Fachverband von den Karlsruher Richtern um Stellungnahme gebeten.

Doch trotz des Urteils beschloss die Bundesregierung, dass bestehene Anlagen in Deutschland aus Abschreibungsgründen noch bis 2025 betrieben werden dürfen.

Fotos: ©  PROVIEH