Schnabelkürzen wird zum Auslaufmodell

Das Schnabelkürzen soll in Niedersachsen bei Legehennen, Puten und Moschusenten ein Ende haben. Der völlige Verzicht auf die Amputation von Schnabelspitzen ist bei Moschusenten ab 2013, bei Legehennen ab 2016 und bei Puten ab 2018 vorgesehen. So steht es im „Tierschutzplan Niedersachsen“. Agrarminister Christian Meyer bekräftigte, dass die festgelegten Ausstiegstermine verbindlich seien. Sein Hauptaugenmerk liege zurzeit auf der Legehennen Haltung, da Niedersachsen mit 11,2 Millionen Legehennen in 5.000 Betrieben führend auf diesem Sektor sei. „Wenn ein Land wie Österreich den Ausstieg aus dieser Amputation schafft, muss das auch bei uns möglich sein“, sagte er nach einer zweitätigen Delegationsreise in das Nachbarland. Überdies setzt er sich für ein Ende der Riesenschlachthöfe für Geflügel ein (wir berichteten im PROVIEH-Magazin 02/13).

PROVIEH begrüßt das Verbot des Schnabelkürzens ausdrücklich. Obwohl das deutsche Tierschutzgesetz vollständige oder teilweise Amputationen von Körperteilen verbietet, erteilt es für das Schnabelkürzen eine Ausnahmegenehmigung, die wie in ähnlichen Fällen zur Regel wurde. Das Schnabelkürzen gilt als Amputation, weil der Schnabel von Nervenbahnen und Blutgefäßen reich durchzogen ist. Deshalb ist er auch ähnlich empfindlich wie eine menschliche Fingerspitze. Die Amputation ist oft mit lebenslangen Schmerzen verbunden und zieht erhebliche Beeinträchtigungen des natürlichen Verhaltens nach sich. Das Aufpicken von Futter oder die Gefiederpflege sind nur noch eingeschränkt möglich.

Das Schnabelkürzen soll die Gefahr von Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus einschränken, bekämpft aber nur Symptome. Wichtig ist vielmehr, die Ursachen dieser Verhaltensstörungen zu bekämpfen. Dazu gehören vor allem Stress, zu viele Tiere auf engem Raum und das Fehlen von Beschäftigungsmöglichkeiten, aber auch – wie immer deutlicher wird – Licht und die Aufzucht der Jungtiere. Zur Bekämpfung dieser Ursachen reicht ein Verbot des Schnabelkürzens nicht aus, es müssen vielmehr die Haltungsbedingungen verändert werden, weil sich die Tiere andernfalls mit ihren scharfen Schnäbeln blutig und teilweise zu Tode picken würden.

Deshalb strebt Meyer einen mehrstufigen Ausstieg aus dem  Schnabelkürzen an nach dem Modell von Österreich. Dort hatten sich die Halter von kupierten Legehennen freiwillig verpflichtet, während einer Übergangsphase einen bestimmten Betrag pro Tier in einen Solidaritätsfonds einzuzahlen. Von diesem Geld bekamen Halter von unkupierten Hennen eine Entschädigung, wenn Verluste durch Kannibalismus auftraten. Meyer hält dieses Konzept auch in Niedersachsen für praktikabel. Zu prüfen sei auch, einen Fonds aus Steuergeldern zu speisen oder aus Prämien des Lebensmitteleinzelhandels im Rahmen eines öffentlichkeitswirksamen Tierschutzplan-Logos.

Keineswegs sind die Forderungen nach einem Verbot des Schnabelkürzens utopisch: Der Ökolandbau kommt längst ohne diese Verstümmelungen aus, und auch in Österreich hat der Kannibalismus bei Legehennen nicht zu-, sondern erheblich abgenommen. Die Legehennen dort sind einfach friedfertiger.

Meyer kündigte eine Bundesratsinitiative an, die die Mindestanforderungen bei der Junghennenaufzucht festlegen soll. Bisher gibt es solche Vorgaben weder auf Bundes- noch auf EU-Ebene, obwohl bekannt ist, wie wichtig ein Angebot an Sitzstangen und Strukturelementen im Stall, ein gutes Stallklima und eine tiergerechte Einstreu für ein gut funktionierendes Management in der Haltung von Junghennen und Legehennen sind. „Was die Junghenne nicht lernt, lernt die Legehenne nimmermehr“, sagte Meyer. Diesen Satz kann PROVIEH nach Erfahrungen aus einem Projekt am Bodensee nur rückhaltlos bestätigen: Erst wenn Junghennen schon im Aufzuchtstall ein friedfertiges Verhalten lernen, beherrschen sie es nach der Umstallung auch im Legehennenstall (wir berichteten im PROVIEH-Magazin 03/11). Der Erfolg des Einsatzes unverkrüppelter Hennen steht und fällt also auch mit der Junghennenaufzucht.

Aber nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern tut sich etwas. Dänemark hat angekündigt, ebenfalls auf das Schnabelkürzen bei Legehennen zu verzichten, die Niederlande wollen es mit einer Übergangsfrist bis 2018 verbieten, und in England hat die University of Bristol das „FeatherWel“-Projekt ins Leben gerufen, um Management-Strategien zu entwickeln, die dem Federpicken entgegenwirken.

Endlich also naht die Zeit, in der die unwürdige Praxis des Schnabelkürzens endgültig aus der landwirtschaftlichen Praxis verbannt wird.

 

Fotos: © Melani Nolte